Mittwoch, 20. August 2025

Du bist gefeuert, Adam Smith!

Bild vom Verfasser - mit AI kreiert

Ein Essay von Trumps Handelsvertreter, Botschafter Jamieson Greer, der kürzlich in der New York Times veröffentlicht wurde (Link unten), ist ziemlich aufschlussreich. Hier tritt jemand auf, um Adam Smith mit denselben merkantilistischen Argumenten zu widerlegen, mit denen sich dieser große Ökonom schon zu seiner Zeit auseinandersetzen musste. Der Botschafter weist eine beeindruckende Karriere vor; es ist verständlich, dass er vielleicht keine Zeit hatte, den Wohlstand der Nationen zu lesen und zu durchdenken.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Botschafter Greer Jurist ist, kein Ökonom. Als Anwalt arbeitete er für die US-Stahlindustrie. Das fehlende Wissen in Wirtschaftstheorie, verbunden mit seiner Loyalität zu ehemaligen Geschäftsfreunden, hat wahrscheinlich zu seinen einseitigen Kommentaren beigetragen. (NYT-Artikel)

Im Laufe meines Lebens bin ich immer wieder auf ähnliche Meinungen gestoßen. Immer wenn solche Ideen in der Regierungspolitik umgesetzt wurden, führten sie zur Schwächung der Wirtschaft – zum Vorteil weniger Privilegierter und zum Nachteil der großen Mehrheit der Bevölkerung.

Zum Beispiel arbeitete mein Großvater für die CEPAL, die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik der Vereinten Nationen. In den 1950er- und 1960er-Jahren plädierte deren damaliger Leiter, Raúl Prebisch, für den Schutz lokaler Industrien mit hohen Zöllen, manchmal sogar bis hin zum vollständigen Importverbot bestimmter Produkte.

Die Folgen in den Ländern Amerikas, die diesem Kurs folgten, waren mittelmäßige Industrieprodukte zu hohen Preisen – über Jahre hinweg. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie wir als Teenager alle Jeans aus den USA haben wollten. Die chilenischen Jeans waren teuer, saßen schlecht und waren steif wie aus Holz gefertigt. Trotz des höheren Preises waren sie den in Miami erhältlichen Jeans bei weitem nicht ebenbürtig.

Prebisch’ Idee des Industrieschutzes beruhte auf der Annahme, dass sich die Wirtschaft irgendwann so weiterentwickeln würde, dass das Land international konkurrenzfähig wäre. Doch das trat nie ein. Lokale Produzenten hatten keinen Anreiz, sich zu verbessern; es gab keine Konkurrenz, keinen Druck zur Veränderung. Stattdessen setzten sie lieber auf Lobbyarbeit bei Politikern, um den Status quo zu erhalten.

Venezuela hält bis heute an den Ideen von Prebisch fest und versucht, für alles eine eigene Industrie aufzubauen und Importe extrem teuer oder unmöglich zu machen, um die heimische Produktion zu schützen. Während meiner Laufbahn leitete ich ein Automobilunternehmen, das US-Fahrzeuge in Venezuela montierte. Diese Autos mussten einen bestimmten lokalen Fertigungsanteil haben, was dazu führte, dass sich inländische wie auch ausländische Unternehmen in Venezuela niederließen, um Teile zu produzieren. Die übrigen Fahrzeuge kamen in Einzelteilen verpackt an, und wir beschäftigten 2.000 Arbeiter, um sie zusammenzubauen.

Das Merkwürdige daran: Die Autos waren zuvor in den USA bereits komplett montiert worden, wurden dann jedoch in einem separaten Lager wieder auseinandergebaut und ohne die Teile, die lokal gefertigt werden sollten, verpackt. Das war zwar die günstigste Lösung – aber effizient? Sicher nicht. Am Ende zahlte der venezolanische Verbraucher die Mehrkosten.

Schauen wir, wo Venezuela heute steht: ein Land mit enormen Ressourcen – Öl, Gas, Metalle, Landwirtschaft – doch der Großteil seiner Bevölkerung ist bitterarm und sieht keinerlei Perspektive für sich oder seine Kinder, sodass viele ausgewandert sind. Den Venezolanern ginge es weit besser, wenn sie komplette Autos importierten und dafür – neben Öl und Ölprodukten – zum Beispiel Kaffee und Kakao exportierten, denn die venezolanischen Sorten gehören zu den besten der Welt. Doch die Politiker und die etablierte Industrie ziehen es vor, alles beim Alten zu lassen. Kaffee und Kakao erzielen weltweit hohe Preise. Stattdessen montiert man lieber Autos ein zweites Mal, die zuvor bereits in der Ursprungsfabrik zusammengesetzt worden waren.

In Spanien, wo ich arbeitete, als das protektionistische Franco-Regime verschwand und nach und nach die offene Politik der Europäischen Union eingeführt wurde, basierte die Autotechnologie bis Mitte der 1980er-Jahre noch auf dem Stand der 1950er. Erst mit der Aufhebung des Importverbots änderte sich das. Gut für die Produzenten – aber schlecht für die Konsumenten.

Chile hingegen durchlief eine tiefgreifende Transformation. Leider war es eine brutale Militärjunta, die zahlreiche Menschenrechtsverletzungen beging, welche schließlich diese Veränderung herbeiführte. Doch eine ihrer wenigen richtigen Entscheidungen war die Abschaffung des merkantilistischen Systems: Zölle und alle Importhemmnisse wurden sofort gestrichen. Viele Industrien überlebten diesen Umbruch nicht. Auch die Autofirma meines Vaters in Arica, die jährlich einige Hundert Fahrzeuge in fast handwerklicher Weise fertigte, stellte ihren Betrieb ein. Damit wurde in Chile kein Auto mehr produziert – alle Fahrzeuge waren nun Importe.

Trotz dieses Rückschlags für einige künstlich am Leben erhaltene Industrien entwickelte sich Chile wirtschaftlich erfolgreich und ist heute eine der führenden Volkswirtschaften Südamerikas. Möglich wurde dies durch Unternehmer, die in Bereichen Chancen sahen, in denen Chile über echtes Know-how oder Wettbewerbsvorteile verfügte. So wurde Chile schnell zum zweitgrößten Produzenten von Lachs, einem Fisch, der zuvor auf der Südhalbkugel gar nicht existierte.

Allein die Einnahmen aus dem Lachsexport reichten aus, um sämtliche importierten Autos zu bezahlen – aus Korea, den USA, Japan und Europa. Und der „Lachs-Auto-Handel“ hatte sogar eine positive Bilanz: Es blieb noch genug Geld übrig, um riesige Mengen Whisky zu importieren, das Lieblingsgetränk meines Großvaters. Er war bereits im Ruhestand, als die neue Politik eingeführt wurde, aber die Ergebnisse änderten seine Sichtweise darauf, wie Länder mit Freihandel Wohlstand schaffen können. 

Ein entscheidender Faktor des chilenischen Exportbooms waren die herausragenden Handelsabkommen die chilenische Diplomaten aushandelten, die Märkte nicht abschotteten, sondern für ausländische Produkte öffneten. Dadurch hatten sie Verhandlungsspielraum, um faire Bedingungen für chilenische Produkte im Ausland durchzusetzen – ein starker Kontrast zu Trump und seinen Handelsunterhändlern, die glauben, mit dem „großen Zollstock“ mehr zu erreichen.

Adam Smith ging von einer universellen Prämisse aus: Wir Menschen sind in erster Linie Konsumenten. Nicht umgekehrt, dass wir in erster Linie Produzenten seien und alles auf deren Schutz und Profit ausgerichtet sein müsse. Das ist Unsinn. Es nützt nur den Eigentümern der Produktionsstätten und vielleicht deren Beschäftigten. Wir produzieren, weil wir konsumieren müssen oder wollen. Und wir konsumieren am günstigsten und in bester Qualität, wenn wir von den besten Fachleuten kaufen – egal, wo sie sind.

Natürlich gibt es nationale und sicherheitspolitische Interessen, die wichtiger sind als völlig freier Handel. Strategische Industrien müssen in einem Land existieren, um Probleme wie während der Covid-Krise zu vermeiden. Auch die Rüstungsproduktion sollte im Land oder in den Händen vertrauenswürdiger Partner bleiben. Doch im Übrigen wäre es für die Menschheit am besten, möglichst viele Handelsbarrieren abzubauen – denn das ist nichts anderes als eine Win-Win-Situation.

Was die USA derzeit jedoch tun, ist keine wirtschaftlich sinnvolle Politik, sondern eine Absurdität. Sie wird das Problem des Defizits nicht lösen – im Wesentlichen das Defizit eines Staates, der mehr ausgibt, als er einnimmt, während er gleichzeitig die Steuern für diejenigen senkt, die sich Steuerzahlen leisten könnten.

Zölle sind letztlich nichts anderes als Steuern, die von Konsumenten importierter Waren bezahlt werden. Ein großer Teil dieser Konsumenten ist nicht wohlhabend und wird durch die höheren Preise belastet.

Der Versuch, die USA auf diese Weise zu reindustrialisieren, ist ein Irrweg. Er wird scheitern. Adam Smiths wirtschaftliche Grundsätze, die vor zweieinhalb Jahrhunderten formuliert wurden, mögen für manche schwer zu verstehen sein – aber sie haben eine größere Kraft, die Realität zu gestalten, als jede präsidiale Verordnung.

Sonntag, 9. Februar 2025

Die Zaubertricks, mit denen wir uns unbemerkt ausnehmen lassen.

Unterscheiden wir Menschen uns sehr von anderen Tieren? Unsere DNA sagt nein, sie ist größtenteils gleich. Unser Verhalten auch nicht.

Ein Experiment mit Affen, die in benachbarten Käfigen eingesperrt waren, zeigte, wie eifersüchtig diese Tiere sind. Schrecklich!

Erstellt mit ChatGPT

Ein Affe bekam Gurken, na ja, nicht so lecker für einen Affengaumen, sein Nachbar aber die äußerst schmackhaften Weintrauben. Als der Gurkenempfänger das bemerkte, wurde er furchtbar wütend, und als man ihm dann noch so ein fades Gemüse gab, während sein Nachbar wieder Weintrauben bekam, warf er auch das Grünzeug wütend aus seinem Käfig und benahm sich selbst für einen Affen ungehörig. 

Auch wenn man dieses Experiment meines Wissens später nicht mit Menschen durchgeführt hat, indem man sie in benachbarte Käfige sperrte und unterschiedlich mit Trauben und Gurken fütterte, so kann man doch aufgrund anderer Beobachtungen davon ausgehen, dass auch Menschen neidisch sind. 

Haben Sie schon einmal versucht, dem Hund des Nachbarn den Knochen wegzunehmen, auf den er gerade beißt? Lieber nicht. Hunde und andere Tiere haben eine sehr klare Vorstellung von Besitz. Wird dieser nicht respektiert, werden sie schnell ausfällig.

Die Gattung Mensch ist auch da keine Ausnahme, auch wenn es hier weniger um Knochen geht, an denen man knabbern könnte. Für diese Spezies ist das eigene Auto oder Handy eine heilige Sache, die ein anderer besser nicht anrührt oder gar in Besitz nimmt. Experimente mit kommunalem Eigentum, bei dem alle alles und keiner so gut wie nichts besitzt, sind regelmäßig schiefgegangen.

Das Besondere an Schimpansen ist ihre Gruppenzugehörigkeit. Hat man keine oder nur eine kleine Gruppe, ist man ziemlich aufgeschmissen: Man wird gemoppt und die Bullen lassen einen nicht an die Futterplätze. Wenn sich einer gut besetzten Gruppe eine andere Horde nähert, entscheiden die Alpha-Tiere, den Kampf aufzunehmen, wobei sie vor allem die heranrückende Generation der Beta-Tiere anspornen, es den anderen ordentlich zu zeigen und sie weit weg zu jagen - sofern diese Feinde dann noch laufen können. Für die Leittiere hat das klare Vorteile: Die fremde Horde ist wieder weg, etliche der Anwärter, die demnächst selbst zu den Alphatieren zählen wollten, sind für die gute Sache gestorben und es herrscht erst einmal äußerer und innerer Friede.

Erstellt mit ChatGPT

Ich muss hier einen kleinen Einschnitt machen, bevor ich auf die territorialen Ansprüche des heutigen Menschen zurückkomme. 

In der Tierwelt gibt es andere Formen der Revierverteidigung. Die Vögel zum Beispiel zwitschern und singen. Eine friedliche und sehr zivilisierte Art, seinen Lebensraum zu markieren. Nun sind die Vögel Nachfahren der Dinosaurier. Und die Dinosaurier tauchten auf unserem Planeten vor mehr als 245 Millionen Jahren auf. Die Säugetiere aber erst 45 Millionen Jahre später. Die sind irgendwie weiter entwickelt als wir, die Dinosaurier oder was von ihnen übrig geblieben ist. Da haben wir also noch ein bisschen Zeit, in unserem Verhalten aufzuholen. Immerhin gibt es Ansätze: Beim Fußball zum Beispiel kann sich der Schiedsrichter schon mit einem Pfiff vor 22 Spielern und einer Menge aufgebrachter Zuschauer durchsetzen. Und viele Menschen in Europa pfeifen auf jeden Gurkenkönig im
Kreml, und seinen Anspruch, uns alle unter seine Knute zu bringen.

Erstellt mit ChatGPT

In diesen langen Zeiträumen, die ich im vorigen Absatz beschrieb, sind die paar Jahrtausende, seit die Menschen sesshaft wurden, natürlich lächerlich kurz. Deshalb ist es im Grunde auch unfair, wenn ich mich jetzt schon kritisch oder sarkastisch zu den anfänglichen Folgen der Sesshaftigkeit äußere. Aber ich wage es trotzdem, in der vagen Hoffnung, die Zeit bis zur Besserung der Verhältnisse zu verkürzen.

Die Menschen, eine vorher umhertrottelnde Meute, haben sich also angesiedelt, Häuser gebaut, Zäune errichtet. Regeln erfunden, wem welches Land gehören sollte. Samen gesät, Tiere gehalten. Land wurde Kulturland. Und Kultur entwickelte sich auch im Allgemeinen, nur überall ein wenig anders. Die Sprache auch.

So habe ich zum Beispiel beobachtet, wie Deutsche und Rumänen Bananen essen. Die Deutschen ziehen die Schale am Stiel ab. Rumänen pulen auf der anderen Seite des Stiels die Schale auf und ziehen sie dann ab. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Affen meist einfach in die Frucht beißen und die bittere Schale auf den Boden spucken.

Territoriale Ansprüche und kulturelle Bräuche führten dann vor zwei Jahrhunderten zur Bildung von Nationen. Diese Einteilung ist aber noch nicht ganz gefestigt. Eigentlich kann man seine Nation nur dann als sicher bezeichnen, wenn man über Atomwaffen verfügt oder einen guten Freund hat, der sie im Falle eines Angriffs für einen einsetzt, und wenn man möglichst niemanden ins Land lässt, der die Bananen anders isst oder eine unverständliche Sprache spricht und damit die eigene kulturelle Überlegenheit grundsätzlich in Frage stellen könnte.

Nun, um es kurz zu machen: Wie für die meisten Wirbeltierarten sind für uns Territorium, Gruppe und Besitz gegenüber Dritten extrem wichtig. Und da Güter bis auf Luft (noch, denn ob es so bleibt, wird sich zeigen) knapp sind, spielt der Neid auf die Trauben anderer - übrigens auch untereinander in der Gruppe - eine nicht zu übersehende Rolle in unserem Verhalten.

Und genau das wird, seit wir sesshaft geworden sind, von unseren Alphatieren immer und immer wieder ausgenutzt, um uns Normalbürger bei der Stange zu halten und damit ihre Macht über uns zu festigen. Wie der Trick des Zauberkünstlers, der uns mit der einen Hand etwas zeigt und uns damit davon ablenkt, dass er hinter der anderen Hand das Kaninchen versteckt hält, das er angeblich aus dem Hut zaubert - so werden wir mit Schlachtrufen von National- und Stammesstolz, Besitz und Neid dazu gebracht, nicht zu merken, dass es den Herren Alphatiere nur um Macht und viel, sehr viel Geld geht - und dass ihnen diese Dinge, die wir für sie verbissen verteidigen, im Grunde völlig egal sind. Warum? Weil sie diese in ihrer Position sowieso nicht brauchen.


Das erheiternde Video des Neidexperimentes mit den Kapuzineraffen können Sie z.B. hier.

Und den köstlichen Kinderroman von Christine Nöstlinger, dessen Text auch Erwachsenen noch zugänglich ist, kann man immer wieder nur empfehlen, [siehe z.B. hier].

Montag, 12. September 2016

Liebe Frau Merkel, Flüchtlinge müssen bei uns doch nicht gleich Einwanderer werden

Liebe Frau Merkel,

Ich sage das Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung: Sie sind einem kleinen Missverständnis auferlegen, wie auch viele andere im Land. Flüchtlinge sind keine Immigranten. Sie werden nur von so schlimmen Dingen in ihrem Ursprungsort heimgesucht, dass sie es sogar vorziehen, es unter lebensbedrohenden Umständen zu verlassen, um verbittert das hinter sich lassen, was uns Menschen am wichtigsten ist: die Angehörigen, die Freunde, die Kultur, unser Heim, unsere Umgebung, in der wir aufgewachsen sind.

Das heißt, im Umkehrschluss, dass sie auf die Dauer lieber zu ihrem Ursprung zurückkehren würden als für immer in Deutschland zu bleiben. Denn ob sie hier in Deutschland oder anderswo ankommen, die Sehnsucht nach der Heimat wird sie zeitlebens begleiten. Und, sollten sich die Bedingungen verbessern, werden sie wieder zurückkehren wollen. Nur einige, bei denen sich die Missstände verewigen, oder die vielleicht ihren Lebensgefährten in jemanden aus dem Gastland gefunden haben, werden wirklich bleiben wollen. Doch das wird immer eine Minderheit sein.

Als Deutscher in Chile aufgewachsen, kam ich mit 22 Jahren zum ersten Mal überhaupt nach Deutschland. Es verblüffte mich immer wieder, dass die Menschen nun um mich herum ganz ernsthaft dachten, hier in Deutschland zu sein sei das beste überhaupt was mir passieren konnte. Ich wollte viele Jahre lang aber eigentlich nur zurück, nur das Ziel eines sinnvoller Abschluss für das Studium hielt mich. Meine guten Freunde hier verstanden es überhaupt nicht. Ich zitierte ihnen vom römischen Historiker Tacitus, der vor zwei Jahrtausenden meinte, die Germanen könnten gar nicht von Einwanderern abstammen, sondern müssten schon immer da gewesen sein, denn wer würde schon in so ein Land ziehen, mit solch scheußlich rauem Wetter?

Inzwischen bin ich über mehrere Jahrzehnte aus beruflichen Gründen in vielen Teilen der Welt gewesen. Unter anderem in Hamburg, in Cuba, in Australien, in Stuttgart, in Venezuela, in Asien, in Spanien. Und jetzt bin ich Rumänien. Überall sagte man mir, dies sei der beste Fleck auf Erden. Die freundlichsten Menschen seien da, die allerschönsten Landschaften, die hübschesten Frauen, die besten Witze würden erzählt. Und das ist ja auch gut so, vielleicht ist es nicht einmal falsch, jeder sieht es halt aus seiner Sicht.

Was sollte man also tun?

Vor Jahrzehnten, beim Aufbau nach dem Krieg und mitten im Wirtschaftswunder, brauchte die Bundesrepublik dringend Arbeitskräfte. Man lud aus Italien, Spanien, Jugoslawien, Griechenland, der Türkei Gastarbeiter ein. Gäste, die befristet hier tätig sein sollten. Da es in diesen Ländern an Arbeitsplätzen mangelte, kamen diese Leute. Und fast alle sind auch wieder gegangen.

Zugegeben, es gab Härtefälle und viel Dummheit im Umgang mit den Menschen. Doch es wurde sehr  viel mehr Gutes erreicht. In Madrid hatte ich über viele Jahre eine erstklassige Assistentin, die perfekt deutsch sprach und schrieb. Ihr Vater war einige Jahre Gastarbeiter im Ruhrgebiet gewesen, sie ging als Kind auf eine Schule in Deutschland. Und das gab ihr dann im Heimatland einen großen Vorteil, weil sie die soziale und sprachliche Kompetenz mitbrachte, um mit "Alemanes" ausgezeichnet arbeiten zu können.

Man wird einwenden, dass sich doch zu viele hier bei uns festsetzen. Die Türken in Kreuzberg. Die Italiener mit einer Eisdiele in jedem Ort. Sicher, und wir brauchen sie auch in Deutschland, um unsere Sozialleistungen und Renten halten zu können. Doch praktisch alle meine Freunde und Bekannte mit Migrationshintergrund, erzählen mir von dem Häuschen, das sie sich für den Rückzug in Ostanatolien oder in der Toscana gebaut haben. Hier in Rumänien sind Millionen von Menschen ausgewandert. Doch nun, da Rumänien in all den letzten Jahren beachtliche Raten im Wirtschaftswachstum aufweist, kommen mehr und mehr zurück, und sagen mir wie froh sie sind, wieder in ihrer Heimat zu sein.

Flüchtlinge und Asylanten, die nach Deutschland kommen, weil es für sie unzumutbar geworden ist, in ihrer Heimat zu bleiben, sind keine Immigranten. Es sollten unsere Gäste sein. Sie aufzunehmen ist eine Hilfeleistung, ist humanitärer Schutz, den eventuell auch jeder von uns mal beanspruchen muss, wer weiß. Man integriert sie so gut, wie man halt Besucher behandelt. Sie können wohnen, arbeiten und mitmachen. Aber das verlangt doch keine Integrationspolitik von uns, kein Zwang, unsere Kultur übergestülpt zu bekommen, unsere Sprache lernen zu müssen. Denn wenn das Problem, das sie vertrieb, gelöst ist, werden sie freiwillig zurück wollen. Unsere Außenpolitik sollte auch alles nur erdenkliche tun, damit in den Heimatländern dieser Leute bald wieder ein menschenwürdiges Leben möglich wird. Konkret bedeutet das meist Befriedung und wirtschaftliche Entwicklung. Damit leistet man nicht nur Gutes, man beschleunigt auch die Rückführung.

Und die Deutschen unter uns, die so große Angst haben vor den Anderen, werden sich vor Gästen, die wieder gehen werden, nicht so sehr fürchten.

Samstag, 10. September 2016

Galileo Galilei schlägt der EU vor, 13 weitere Milliarden für Apple aufzubringen

Wenn Verstorbene Interviews geben könnten, wie spannend wäre das! Geniale Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger denken das auch, und nutzen wieder das Totengespräch als literarische Figur. Mit AI und VR wird es sicher bald ein App im Store dazu geben, mit dem wir uns mit interessanten Menschen unterhalten können, rein virtuell natürlich. Doch dank der zugrundeliegenden Datensammlung und den Algorithmen dürfte ihre Meinung gar nicht so viel anders ausfallen, als wenn sie noch am Leben wären.

Ich greife dem mal vor, und lege Galileo, dem Vater der Wissenschaft, folgendes in den Mund:

Ich halte es für ein Unding, dass die Europäische Union von Apple rückwirkend 13 Milliarden Euro Steuer für in Europa erwirtschaftete Gewinne fordert. Apple hat der Welt und den europäischen Bürgern in den letzten Jahren doch mehr Gutes getan, als es die EU und ihre Verwaltung. 
Innovatoren haben es schwer und man haut gerne auf sie ein. Ich weiß, wovon ich rede.
Die Menschheit steuert mit ihren wissenschaftlichen Fortschritt und dessen technologischen Folgen unaufhaltbar auf eine Einigung zu. Wegbereiter sind internationale Unternehmen, unter denen Apple sicher heraussticht. Bei denen arbeiten die besten aus der ganzen Welt, und das Unternehmen bietet hilfreiche Produkte an, die inzwischen jedermann nutzt, weil sie das Leben bereichern und vereinfachen. 
Die EU hat dagegen nicht einmal ihre eigenes Auseinanderfallen verhindert. Sie läßt sich von so abgegriffenen Gebilden wie die künstlichen Nationalstaaten Europas, die nach meinem Tod überhaupt erst in Erscheinung traten, in die Nutzlosigkeit treiben.
Doch wenn die EU noch etwas Gutes für ihre Menschen tun will, sollte sie weitere 13 Milliarden darauf legen, und Apple damit fördern, um weiterhin Fortschritt in die Welt zu bringen. Warum nicht mit einer Auflage? Zum Beispiel bis 2020 ein allein fahrendes elektrisches Fahrzeug mit einer machbaren Finanzierung für breite Klassen in der EU massiv anbieten zu müssen? Mit so einem iCar wird, zum einen, etwas wirkungsvolles gegen die Belastung der Atmosphäre getan, und zum anderen werden die Fahrzeugunfälle vermindert, die der Menschheit immer noch viel zu viel Leid bringen.
Das kriegt keine öffentliche Hand in der EU hin. Ein bürokratisches Gebilde macht mit 13 Milliarden Euro nicht viel zusätzlich Gutes. Schulen? Hospitäler? Brücken? Das ist doch Wunschdenken! Genauso wie den Engländern beim Brexit versprochen wurde, die Gelder für die EU besser in Gesundheit zu stecken. Heraus kommt von mehr eingezogener Steuer zumeist nur noch mehr Verwaltung, Vorschriften, noch mehr Einengung, noch mehr Polizei oder Kriegsvorbereitung - und damit ist das Geld dann auch schnell verbraucht. 
Solange die globalen Konzerne wie Google und Apple keine Armeen und Waffen führen, sollte man sie ruhig mehr tun lassen. Denn sie sind die Speerspitze der Zusammenführung der Menschheit auf unserem Planeten. Eine Einigung, die von der EU nicht einmal in Europa erreicht wurde.
Auf einer herbstlichen Wiese mit Siri in mein iPhone diktiert.

Montag, 24. November 2014

Putin und die neo-imperiale Talkshow bei Günther Jauch

Ich fand die Jauch Runde "Antwort an Putin: Nachgehen oder Härte zeigen" höchst ärgerlich.

Was ist denn das? Die Fortsetzung der Jalta Konferenz, in der allein die Mächtigen über ihre Einflussgebiete in Europa entscheiden ohne die tatsächlich betroffenen auch nur zu fragen? Die Menschen in der Ukraine oder in Moldavien, die sollen das so hinnehmen, auch wenn die meisten von ihnen lieber zu Westeuropa als zu einem rückständigen Russland tendieren?

Putin macht weiter das, was sein Volk seit Zarenzeiten gewohnt ist und viele heute noch gerne feiern: imperiale Politik. Wir übrigen Europäer sollten nicht zu viel Rücksicht auf seine Befindlichkeiten nehmen. Dagegen sollten wir an die kleinen osteuropäischen Völker denken, die eine andere Vorstellung für ihre Zukunft hegen, als die Puffer für ein paranoides Riesenland zu bleiben. Als Europäer ist es unser Pflicht, konstruktiv darüber nachzudenken, wie wir den kleinen Nachbarn im Osten in ihrer sicher nicht leichten Entwicklung helfen und den Wünschen der anständigen Menschen dort entgegen kommen können.

Am Ende wird auch Russland, als Teil Europas, zu unserer Gemeinschaft gehören. Denn auch dort werden sich die Menschen auf Dauer nicht allein mit Fahnen, Kirche und Vodka abspeisen lassen.

Aber so, wie das in dieser Runde angegangen wurde, ist es äußerst beschämend.

Sehen Sie selbst die Günther Jauch Talk Show vom 23. November 2014 ( www.ardmediathek.de/tv ) oder lesen Sie die traurig stimmenden Leserbeiträge dazu im Spiegel Online ( www.spiegel.de/kultur/tv/jauch-talk-zu-ukraine-konflikt-biermann-putin-und-hitlers-autobahn-a-1004592.html#js-article-comments-box-pager ).

Montag, 28. April 2014

Das Kleinhirn und die Neo-Despoten

Nun habe ich es endlich begriffen. Nach fast 64 Jahren auf dieser Erde und der Lektüre mehrerer Sachbücher zum Thema.

Allein das Kleinhirn entscheidet. Ein großes braucht man dafür offensichtlich nicht. Und das alles in Nanosekunden, so dass wir es selbst gar nicht mitbekommen. Gefühle und ein paar locker angesammelte Erfahrungen sind ausschlaggebend. Für längere Gedankengänge ist da kein Platz, schließlich geht es ja um ein Kleinhirn. Zack! So wird gedacht.

Das Großhirn produziert dann nur noch im Nachhinein Argumente für diese Entscheidung. Falls gewünscht. Ist sozusagen sein Pressesprecher. Von der Entscheidung selbst ist es ausgeschlossen. Dabei trickst hier das Kleinhirn: Es lässt den großen Bruder geschickt im Glauben, er selbst, nach langem Für und Wider, habe die Entscheidung getroffen. Deshalb denkt das Großhirn auch nicht im Traume daran, seine Meinung zu ändern.

Man kann also niemand umstimmen, niemand mit irgendwelchen Fakten überzeugen. Es hat keinen Zweck. Das Kleinhirn hat hinter den Kulissen schon alle notwendigen Strippen gezogen. Was immer die Entscheidungen unterstützt, wird vom bewussten Großhirn dann auch freudig registriert und gerne retweetet. Alles, was dann nicht passt, wird ausgeblendet. Gibt es gar nicht. Oder, wenn das Getöse der kognitiven Dissonanz tatsächlich zu groß wird und einfach die Mauer des Ignorierens nicht mehr standhält, dann produziert das Großhirn in voller Kapazität Argumente für die ihm von der kleinen Schwester eingeflößte Meinung und gegen alles, was sich dieser widersetzt. Mangelt es möglicherweise dann an stichhaltigen oder sachlichen Argumenten, wird es persönlich und beleidigend. Oder attackiert einen anderen wunden Punkt des Gegners, der mit der Sache gar nicht im Zusammenhang steht.

Eheleute kennen das vom Partner. Eltern von ihren Teenies und Teenies von ihren Eltern.

Es ist also nicht so, dass die Obrigkeit von der göttlichen Eingebung abgeschnitten wurde, weil der Messenger im Bierhaus versackte, wie Karl Valentin vermutete. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass es das Kleinhirn ist, dass die Kommandozentrale gekapert hat und die Vernunft außen vor lässt. Bei der Obrigkeit und bei allen anderen. Auch bei mir.

Doch was passiert hier? Warum schreibe ich das?

Sollte sich mein Großhirn tatsächlich emanzipieren wollen? Gibt es eine Chance, dass wir uns von der unendlichen Dummheit in unserem Universum befreien könnten, in die uns die Kleinhirne dieser Welt verdammt haben?

Nein, keine Bange. Auch hier hat das Kleinhirn weiterhin die volle Kontrolle. Es trickst nur wieder. Reiner Nebel. Es ist ihm wichtig, dass das Großhirn glaubt, es hätte irgendein Recht auf Mitbestimmung. Es soll halt nur nicht merken, dass dem überhaupt nicht so ist. Daher gönnt man ihm gelegentliche Freiräume, völlig ungefährlich für den tatsächlichen Machterhalt.

Genauso wie in diesen neuen Demokratien in Ost und West, in denen im Grunde ein starker Mann allein alle Fäden in der Hand hält, und es trotzdem eine Spielwiese für Andersdenkende gibt. Wie der Sandkasten in der IT-Welt. Darin kann man machen, was man will. Bewirken wird man allerdings nichts, die tatsächliche Entscheidungsbefugnis bleibt dem Häuptling und den Seinen vorbehalten. Und ich hege den Verdacht, dass viele von denen gar kein Großhirn haben. Allerhöchstens zwei kleine. Mehr brauchen sie auch gar nicht.

Dienstag, 11. März 2014

Fussballer sollten das Zocken lieber den Bankern überlassen

Also da habe ich einen Freund, Fussballer a.D., der meinte, mit spekulativem Börsen- und Devisenjonglieren sein Altersgeld aufbessern zu können. Da hatte er es im Alter von 33 geschafft, nach 12 Jahren ballern für einen südeuropäischen Provinzverein, immerhin mit einer Million Euro auf der hohen Kante in die Fussballerpension zu gehen.

Das dürfte reichen, meinte ich. "Nicht so ganz", widersprach er, "ich brauche so für Frau, Kinder und mich etwa 40.000 pro Jahr. Da ist das viele Geld nach 25 Jahren zu Ende. Dann bin ich mit 58 nicht einmal so alt wie du jetzt."

Recht hat er. Da nicht jeder Ex-Fussballer einem bayerischen Spitzenverein vorstehen kann, war es sein Plan, zu investieren. Und da die Banken bekanntlich das meiste von einem Investor für sich behalten, holte er sich so eine Online Trading Software, um seine Investments selber zu steuern. Zuhause oder unterwegs, vom smarten Handy aus.

Damit konnte er nicht nur Geld verdienen, es machte ihm auch Spaß, mächtig Spaß. Man könnte fast sagen, er wurde süchtig. Klick - Klick - Klick - warten - Klick: 1% reicher am FX-Markt. Klick - Klick, na ja, ging daneben. Immer wieder! Nicht anders als beim großen Vorbild, schaffte er es in einem Jahr an die über 50.000 Transaktionen. Mal gewonnen, mal verloren.

Auf meine Frage, ob er jetzt reicher sei, antwortete er grinsend: “Eigentlich habe ich immer noch das gleiche Geld. Aber es hat Spaß gemacht.”

Dieser Spaß wird ihm spätestens dann vergehen, wenn er seinen Steuerberater spricht. Denn, wie die Dame der Steuerfahndung in einem heute laufenden Prozess bestätigte, nutzt es bei diesem Invest-Zocken nichts, Verluste zu machen. Der Staat will 25% der eingestrichenen Gewinne. Etwaige Verluste trägt in diesem Spiel der Zockerer ganz allein. Beim wirklichen Zocken, bei Glücksspielen wie Lotto und so, fällt dagegen keine Steuer an.

Und, im Gegensatz zu dem, was der einfache Michel denkt, wenn er meint, eine Steuerschuld von 27 oder mehr Millionen kann man nur mit einer ungeheuren Summe Einsatz beim Online Trading zusammenbekommen, sehen Sie mal, was ich meinem Freund vorrechne.

Er hat 50.000 mal spekuliert.
Er hat 1 Million Euro Spielgeld.
Im Schnitt hat er zur Hälfte je 1% (10.000 Euro) Gewinn und 1% Verlust (-10.000 Euro) gemacht.
Also
Gewonnen: 25.000 x 10.000 = 250.000.000 Euro. Darauf entfallen dann 25% Steuer.
Verloren: 25.000 x -10.000 = -250.000.000 Euro, steuerfrei.

Am Schluss hat er weiterhin noch seine Million. Das ging mal gut. Aber leider auch 62,5 Millionen Euro Steuerschulden. Die er nie und nimmer wird bezahlen können.

Ab in den Knast mit ihm. Da gehören die Steuerhinterzieher hin!