Mittwoch, 20. August 2025

Du bist gefeuert, Adam Smith!

Bild vom Verfasser - mit AI kreiert

Ein Essay von Trumps Handelsvertreter, Botschafter Jamieson Greer, der kürzlich in der New York Times veröffentlicht wurde (Link unten), ist ziemlich aufschlussreich. Hier tritt jemand auf, um Adam Smith mit denselben merkantilistischen Argumenten zu widerlegen, mit denen sich dieser große Ökonom schon zu seiner Zeit auseinandersetzen musste. Der Botschafter weist eine beeindruckende Karriere vor; es ist verständlich, dass er vielleicht keine Zeit hatte, den Wohlstand der Nationen zu lesen und zu durchdenken.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Botschafter Greer Jurist ist, kein Ökonom. Als Anwalt arbeitete er für die US-Stahlindustrie. Das fehlende Wissen in Wirtschaftstheorie, verbunden mit seiner Loyalität zu ehemaligen Geschäftsfreunden, hat wahrscheinlich zu seinen einseitigen Kommentaren beigetragen. (NYT-Artikel)

Im Laufe meines Lebens bin ich immer wieder auf ähnliche Meinungen gestoßen. Immer wenn solche Ideen in der Regierungspolitik umgesetzt wurden, führten sie zur Schwächung der Wirtschaft – zum Vorteil weniger Privilegierter und zum Nachteil der großen Mehrheit der Bevölkerung.

Zum Beispiel arbeitete mein Großvater für die CEPAL, die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik der Vereinten Nationen. In den 1950er- und 1960er-Jahren plädierte deren damaliger Leiter, Raúl Prebisch, für den Schutz lokaler Industrien mit hohen Zöllen, manchmal sogar bis hin zum vollständigen Importverbot bestimmter Produkte.

Die Folgen in den Ländern Amerikas, die diesem Kurs folgten, waren mittelmäßige Industrieprodukte zu hohen Preisen – über Jahre hinweg. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie wir als Teenager alle Jeans aus den USA haben wollten. Die chilenischen Jeans waren teuer, saßen schlecht und waren steif wie aus Holz gefertigt. Trotz des höheren Preises waren sie den in Miami erhältlichen Jeans bei weitem nicht ebenbürtig.

Prebisch’ Idee des Industrieschutzes beruhte auf der Annahme, dass sich die Wirtschaft irgendwann so weiterentwickeln würde, dass das Land international konkurrenzfähig wäre. Doch das trat nie ein. Lokale Produzenten hatten keinen Anreiz, sich zu verbessern; es gab keine Konkurrenz, keinen Druck zur Veränderung. Stattdessen setzten sie lieber auf Lobbyarbeit bei Politikern, um den Status quo zu erhalten.

Venezuela hält bis heute an den Ideen von Prebisch fest und versucht, für alles eine eigene Industrie aufzubauen und Importe extrem teuer oder unmöglich zu machen, um die heimische Produktion zu schützen. Während meiner Laufbahn leitete ich ein Automobilunternehmen, das US-Fahrzeuge in Venezuela montierte. Diese Autos mussten einen bestimmten lokalen Fertigungsanteil haben, was dazu führte, dass sich inländische wie auch ausländische Unternehmen in Venezuela niederließen, um Teile zu produzieren. Die übrigen Fahrzeuge kamen in Einzelteilen verpackt an, und wir beschäftigten 2.000 Arbeiter, um sie zusammenzubauen.

Das Merkwürdige daran: Die Autos waren zuvor in den USA bereits komplett montiert worden, wurden dann jedoch in einem separaten Lager wieder auseinandergebaut und ohne die Teile, die lokal gefertigt werden sollten, verpackt. Das war zwar die günstigste Lösung – aber effizient? Sicher nicht. Am Ende zahlte der venezolanische Verbraucher die Mehrkosten.

Schauen wir, wo Venezuela heute steht: ein Land mit enormen Ressourcen – Öl, Gas, Metalle, Landwirtschaft – doch der Großteil seiner Bevölkerung ist bitterarm und sieht keinerlei Perspektive für sich oder seine Kinder, sodass viele ausgewandert sind. Den Venezolanern ginge es weit besser, wenn sie komplette Autos importierten und dafür – neben Öl und Ölprodukten – zum Beispiel Kaffee und Kakao exportierten, denn die venezolanischen Sorten gehören zu den besten der Welt. Doch die Politiker und die etablierte Industrie ziehen es vor, alles beim Alten zu lassen. Kaffee und Kakao erzielen weltweit hohe Preise. Stattdessen montiert man lieber Autos ein zweites Mal, die zuvor bereits in der Ursprungsfabrik zusammengesetzt worden waren.

In Spanien, wo ich arbeitete, als das protektionistische Franco-Regime verschwand und nach und nach die offene Politik der Europäischen Union eingeführt wurde, basierte die Autotechnologie bis Mitte der 1980er-Jahre noch auf dem Stand der 1950er. Erst mit der Aufhebung des Importverbots änderte sich das. Gut für die Produzenten – aber schlecht für die Konsumenten.

Chile hingegen durchlief eine tiefgreifende Transformation. Leider war es eine brutale Militärjunta, die zahlreiche Menschenrechtsverletzungen beging, welche schließlich diese Veränderung herbeiführte. Doch eine ihrer wenigen richtigen Entscheidungen war die Abschaffung des merkantilistischen Systems: Zölle und alle Importhemmnisse wurden sofort gestrichen. Viele Industrien überlebten diesen Umbruch nicht. Auch die Autofirma meines Vaters in Arica, die jährlich einige Hundert Fahrzeuge in fast handwerklicher Weise fertigte, stellte ihren Betrieb ein. Damit wurde in Chile kein Auto mehr produziert – alle Fahrzeuge waren nun Importe.

Trotz dieses Rückschlags für einige künstlich am Leben erhaltene Industrien entwickelte sich Chile wirtschaftlich erfolgreich und ist heute eine der führenden Volkswirtschaften Südamerikas. Möglich wurde dies durch Unternehmer, die in Bereichen Chancen sahen, in denen Chile über echtes Know-how oder Wettbewerbsvorteile verfügte. So wurde Chile schnell zum zweitgrößten Produzenten von Lachs, einem Fisch, der zuvor auf der Südhalbkugel gar nicht existierte.

Allein die Einnahmen aus dem Lachsexport reichten aus, um sämtliche importierten Autos zu bezahlen – aus Korea, den USA, Japan und Europa. Und der „Lachs-Auto-Handel“ hatte sogar eine positive Bilanz: Es blieb noch genug Geld übrig, um riesige Mengen Whisky zu importieren, das Lieblingsgetränk meines Großvaters. Er war bereits im Ruhestand, als die neue Politik eingeführt wurde, aber die Ergebnisse änderten seine Sichtweise darauf, wie Länder mit Freihandel Wohlstand schaffen können. 

Ein entscheidender Faktor des chilenischen Exportbooms waren die herausragenden Handelsabkommen die chilenische Diplomaten aushandelten, die Märkte nicht abschotteten, sondern für ausländische Produkte öffneten. Dadurch hatten sie Verhandlungsspielraum, um faire Bedingungen für chilenische Produkte im Ausland durchzusetzen – ein starker Kontrast zu Trump und seinen Handelsunterhändlern, die glauben, mit dem „großen Zollstock“ mehr zu erreichen.

Adam Smith ging von einer universellen Prämisse aus: Wir Menschen sind in erster Linie Konsumenten. Nicht umgekehrt, dass wir in erster Linie Produzenten seien und alles auf deren Schutz und Profit ausgerichtet sein müsse. Das ist Unsinn. Es nützt nur den Eigentümern der Produktionsstätten und vielleicht deren Beschäftigten. Wir produzieren, weil wir konsumieren müssen oder wollen. Und wir konsumieren am günstigsten und in bester Qualität, wenn wir von den besten Fachleuten kaufen – egal, wo sie sind.

Natürlich gibt es nationale und sicherheitspolitische Interessen, die wichtiger sind als völlig freier Handel. Strategische Industrien müssen in einem Land existieren, um Probleme wie während der Covid-Krise zu vermeiden. Auch die Rüstungsproduktion sollte im Land oder in den Händen vertrauenswürdiger Partner bleiben. Doch im Übrigen wäre es für die Menschheit am besten, möglichst viele Handelsbarrieren abzubauen – denn das ist nichts anderes als eine Win-Win-Situation.

Was die USA derzeit jedoch tun, ist keine wirtschaftlich sinnvolle Politik, sondern eine Absurdität. Sie wird das Problem des Defizits nicht lösen – im Wesentlichen das Defizit eines Staates, der mehr ausgibt, als er einnimmt, während er gleichzeitig die Steuern für diejenigen senkt, die sich Steuerzahlen leisten könnten.

Zölle sind letztlich nichts anderes als Steuern, die von Konsumenten importierter Waren bezahlt werden. Ein großer Teil dieser Konsumenten ist nicht wohlhabend und wird durch die höheren Preise belastet.

Der Versuch, die USA auf diese Weise zu reindustrialisieren, ist ein Irrweg. Er wird scheitern. Adam Smiths wirtschaftliche Grundsätze, die vor zweieinhalb Jahrhunderten formuliert wurden, mögen für manche schwer zu verstehen sein – aber sie haben eine größere Kraft, die Realität zu gestalten, als jede präsidiale Verordnung.

Sonntag, 9. Februar 2025

Die Zaubertricks, mit denen wir uns unbemerkt ausnehmen lassen.

Unterscheiden wir Menschen uns sehr von anderen Tieren? Unsere DNA sagt nein, sie ist größtenteils gleich. Unser Verhalten auch nicht.

Ein Experiment mit Affen, die in benachbarten Käfigen eingesperrt waren, zeigte, wie eifersüchtig diese Tiere sind. Schrecklich!

Erstellt mit ChatGPT

Ein Affe bekam Gurken, na ja, nicht so lecker für einen Affengaumen, sein Nachbar aber die äußerst schmackhaften Weintrauben. Als der Gurkenempfänger das bemerkte, wurde er furchtbar wütend, und als man ihm dann noch so ein fades Gemüse gab, während sein Nachbar wieder Weintrauben bekam, warf er auch das Grünzeug wütend aus seinem Käfig und benahm sich selbst für einen Affen ungehörig. 

Auch wenn man dieses Experiment meines Wissens später nicht mit Menschen durchgeführt hat, indem man sie in benachbarte Käfige sperrte und unterschiedlich mit Trauben und Gurken fütterte, so kann man doch aufgrund anderer Beobachtungen davon ausgehen, dass auch Menschen neidisch sind. 

Haben Sie schon einmal versucht, dem Hund des Nachbarn den Knochen wegzunehmen, auf den er gerade beißt? Lieber nicht. Hunde und andere Tiere haben eine sehr klare Vorstellung von Besitz. Wird dieser nicht respektiert, werden sie schnell ausfällig.

Die Gattung Mensch ist auch da keine Ausnahme, auch wenn es hier weniger um Knochen geht, an denen man knabbern könnte. Für diese Spezies ist das eigene Auto oder Handy eine heilige Sache, die ein anderer besser nicht anrührt oder gar in Besitz nimmt. Experimente mit kommunalem Eigentum, bei dem alle alles und keiner so gut wie nichts besitzt, sind regelmäßig schiefgegangen.

Das Besondere an Schimpansen ist ihre Gruppenzugehörigkeit. Hat man keine oder nur eine kleine Gruppe, ist man ziemlich aufgeschmissen: Man wird gemoppt und die Bullen lassen einen nicht an die Futterplätze. Wenn sich einer gut besetzten Gruppe eine andere Horde nähert, entscheiden die Alpha-Tiere, den Kampf aufzunehmen, wobei sie vor allem die heranrückende Generation der Beta-Tiere anspornen, es den anderen ordentlich zu zeigen und sie weit weg zu jagen - sofern diese Feinde dann noch laufen können. Für die Leittiere hat das klare Vorteile: Die fremde Horde ist wieder weg, etliche der Anwärter, die demnächst selbst zu den Alphatieren zählen wollten, sind für die gute Sache gestorben und es herrscht erst einmal äußerer und innerer Friede.

Erstellt mit ChatGPT

Ich muss hier einen kleinen Einschnitt machen, bevor ich auf die territorialen Ansprüche des heutigen Menschen zurückkomme. 

In der Tierwelt gibt es andere Formen der Revierverteidigung. Die Vögel zum Beispiel zwitschern und singen. Eine friedliche und sehr zivilisierte Art, seinen Lebensraum zu markieren. Nun sind die Vögel Nachfahren der Dinosaurier. Und die Dinosaurier tauchten auf unserem Planeten vor mehr als 245 Millionen Jahren auf. Die Säugetiere aber erst 45 Millionen Jahre später. Die sind irgendwie weiter entwickelt als wir, die Dinosaurier oder was von ihnen übrig geblieben ist. Da haben wir also noch ein bisschen Zeit, in unserem Verhalten aufzuholen. Immerhin gibt es Ansätze: Beim Fußball zum Beispiel kann sich der Schiedsrichter schon mit einem Pfiff vor 22 Spielern und einer Menge aufgebrachter Zuschauer durchsetzen. Und viele Menschen in Europa pfeifen auf jeden Gurkenkönig im
Kreml, und seinen Anspruch, uns alle unter seine Knute zu bringen.

Erstellt mit ChatGPT

In diesen langen Zeiträumen, die ich im vorigen Absatz beschrieb, sind die paar Jahrtausende, seit die Menschen sesshaft wurden, natürlich lächerlich kurz. Deshalb ist es im Grunde auch unfair, wenn ich mich jetzt schon kritisch oder sarkastisch zu den anfänglichen Folgen der Sesshaftigkeit äußere. Aber ich wage es trotzdem, in der vagen Hoffnung, die Zeit bis zur Besserung der Verhältnisse zu verkürzen.

Die Menschen, eine vorher umhertrottelnde Meute, haben sich also angesiedelt, Häuser gebaut, Zäune errichtet. Regeln erfunden, wem welches Land gehören sollte. Samen gesät, Tiere gehalten. Land wurde Kulturland. Und Kultur entwickelte sich auch im Allgemeinen, nur überall ein wenig anders. Die Sprache auch.

So habe ich zum Beispiel beobachtet, wie Deutsche und Rumänen Bananen essen. Die Deutschen ziehen die Schale am Stiel ab. Rumänen pulen auf der anderen Seite des Stiels die Schale auf und ziehen sie dann ab. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Affen meist einfach in die Frucht beißen und die bittere Schale auf den Boden spucken.

Territoriale Ansprüche und kulturelle Bräuche führten dann vor zwei Jahrhunderten zur Bildung von Nationen. Diese Einteilung ist aber noch nicht ganz gefestigt. Eigentlich kann man seine Nation nur dann als sicher bezeichnen, wenn man über Atomwaffen verfügt oder einen guten Freund hat, der sie im Falle eines Angriffs für einen einsetzt, und wenn man möglichst niemanden ins Land lässt, der die Bananen anders isst oder eine unverständliche Sprache spricht und damit die eigene kulturelle Überlegenheit grundsätzlich in Frage stellen könnte.

Nun, um es kurz zu machen: Wie für die meisten Wirbeltierarten sind für uns Territorium, Gruppe und Besitz gegenüber Dritten extrem wichtig. Und da Güter bis auf Luft (noch, denn ob es so bleibt, wird sich zeigen) knapp sind, spielt der Neid auf die Trauben anderer - übrigens auch untereinander in der Gruppe - eine nicht zu übersehende Rolle in unserem Verhalten.

Und genau das wird, seit wir sesshaft geworden sind, von unseren Alphatieren immer und immer wieder ausgenutzt, um uns Normalbürger bei der Stange zu halten und damit ihre Macht über uns zu festigen. Wie der Trick des Zauberkünstlers, der uns mit der einen Hand etwas zeigt und uns damit davon ablenkt, dass er hinter der anderen Hand das Kaninchen versteckt hält, das er angeblich aus dem Hut zaubert - so werden wir mit Schlachtrufen von National- und Stammesstolz, Besitz und Neid dazu gebracht, nicht zu merken, dass es den Herren Alphatiere nur um Macht und viel, sehr viel Geld geht - und dass ihnen diese Dinge, die wir für sie verbissen verteidigen, im Grunde völlig egal sind. Warum? Weil sie diese in ihrer Position sowieso nicht brauchen.


Das erheiternde Video des Neidexperimentes mit den Kapuzineraffen können Sie z.B. hier.

Und den köstlichen Kinderroman von Christine Nöstlinger, dessen Text auch Erwachsenen noch zugänglich ist, kann man immer wieder nur empfehlen, [siehe z.B. hier].